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Berlin - Der Agent Werner Mauss (58) arbeitete
jahrelang im verborgenen. Er trug bei
internationalen Einsätzen zur Festnahme von etwa
1600 Verbrechern und zur Freilassung von rund 60
Geiseln bei. Er fand in Frankreich Fässer mit
Seveso-Gift und holte den gestohlenen Kölner
Domschatz zurück. Er arbeitete stets auf eigenes
Risiko. Bei seiner Verhaftung im November 1996 in
Kolumbien, wo er im Auftrag des Bundeskanzleramts
eine deutsche Geisel befreien und damit den
Friedensprozeß beschleunigen wollte, wurde seine
Tarnung mit wechselnden Identitäten und Decknamen
zerstört.
In der WELT schildert Werner Mauss seinen Weg vom
Sohn eines Essener Tuchhändlers zum weltweit
operierenden Fahnder.
Das System Mauss
Drei Jahrzehnte lang blieb Deutschlands erster
Undercover-Agent ein Phantom. Nun hat er der WELT
sein Leben erzählt.
Seine Missionen führten Werner Mauss in die
Grauzone zwischen Gut und Böse; auf der ganzen Welt
war er unterwegs für Firmen, Kriminalämter und
Geheimdienste, half bei der Festnahme von mehr als
1600 Tätern und der Befreiung von fast 60 Geiseln.
Jetzt ist er wieder in Deutschland - und will sein
Wissen weitergeben.
Bonn - Er ist unbewaffnet und kommt ohne
Bodyguards. Auf einer Burg hoch über dem Rhein legt
er zwei abgeschabte Taschen mit einer Dokumentation
auf einen Gartenstuhl und das Handy auf den Tisch.
„Wo wir uns treffen, bleibt geheim", sagt er mit
leiser Stimme, die keinen Widerspruch zuläßt. Der
sehnige Mann mit den stahlblauen Augen war
jahrzehntelang ein Phantom zwischen Verbrechen und
Politik, Geld und Gefahr. Er erledigte im
Staatsauftrag spektakuläre Missionen in der
Grauzone, operierte auf eigenes Risiko im fremden
Auftrag unter wechselnden Identitäten. „Wie viele
Decknamen es waren, weiß ich nicht mehr - echt ist
nur ein Name; Ich heiße Werner Mauss."
Zum ersten Mal erzählt einer der schillerndsten
Menschen der deutschen Nachkriegsgeschichte seinen
abenteuerlichen Lebensweg, der ihn aus dem
Elternhaus im Ruhrgebiet in Gefängniszellen führte,
aber auch in die Paläste von Präsidenten und
Potentaten.
„Ich wurde am 11. Februar 1940 als Sohn eines
Tuchhändlers in Essen geboren. Mein Vater starb, als
ich erst acht war*', beschreibt er seine frühen
Jahre. Seine Mutter muß die Familie durch bringen.
doch der Versuch, das Unternehmen ihres Mannes
fortzuführen, scheitert.
„Ich habe meine Arbeit nie mit Gewalt, nie mit
dem Revolver und nie mit der Faust getan, immer mit
dem Kopf“
Es geht karg und knapp zu im Hause Mauss. Für
Sohn Werner scheint die Zukunft gesichert: Er soll
ein Gut übernehmen und wird in Warendorf bei Münster
zum Diplom-Landwirt ausgebildet. Der Pferdenarr
macht das Reit- und Fahrabzeichen in Bronze und
lernt, sechsspännig zu kutschieren: „Das ist schon
was. Darauf bin ich wirklich stolz."
Werner Mauss hat aber längst auch die Faszination
eines anderen Metiers entdeckt: Er nimmt bei Lehrern
verschiedener Polizeischulen Privatunterricht. |
Der
19jährige kellnert und verkauft Staubsauger, um den
Lebensunterhalt seiner Mutter zu sichern und seinen
zweiten Bildungsweg zu finanzieren. Gerade 20,
eröffnet er sein erstes Detektivbüro im Essener
Feine-Leute-Vorort Bredeney und ersteht das erste
Auto, einen klapprigen VW. Er überlegt, ob er zur
Polizei gehen soll, verwirft die Idee jedoch, weil
er „frei und selbständig" sein will.
Den ersten Auftrag bekommt Mauss von einem
befreundeten Rechtsanwalt - „eine Ehescheidung, an
der viel Geld hing". Er erledigt den Fall zur vollen
Zufriedenheit des Kunden, blitzartig, präzise und
diskret.
Nachdem er diese Duftmarke gesetzt hat. beginnt
der steile Aufstieg. Werner Mauss bekommt erste
Aufträge aus der Wirtschaft. In einem
Patentschutzverfahren ermittelt er zum ersten Mal
grenzüberschreitend und unter Tarnnamen, drei Monate
lang in Österreich, London und Südafrika. Er ist 21.
„Zwei Jahre später hatte ich Büros in Essen, London
und Locarno. Ich besaß mehrere Autos, den
Pilotenschein und kaufte mir das erste Flugzeug,
eine einmotorige Cessna 182. Kein anderer Detektiv
besaß ein Flugzeug.“
Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits verheiratet,
mit einer Rechtsanwaltsgehilfin. Während Werner
Mauss durch die Welt fliegt, scheitert die Zweckehe.
Der junge Detektiv entdeckt eine Maxime, der er
sein Leben lang treu geblieben ist: „Kein Alkohol,
kaum Nikotin, viel Disziplin - und vor allem keine
Weibergeschichten." Er beschäftigt keine
Mitarbeiter: „Bei mir weiß ich, daß ich mich auf
mich verlassen kann." Er entwickelt, was er „das
System Mauss" nennt: „Ich lernte, ohne Verkleidung,
ohne Perücken und ohne falschen Bart unter
wechselnden Identitäten in Verbrecherbanden
einzudringen. Einmal hatte ich sogar drei
verschiedene Namen und Legenden in derselben
kriminellen Organisation. Ich bin immer ein anderer
und doch immer derselbe. Mit meinem Schema gelange
ich sogar unerkannt in Banden, in denen ich bekannt
bin. Dann sitze ich wie die Spinne im Netz. Wie ich
das anstelle, bleibt mein Geheimnis. Ein guter Koch
verrät seine Rezepte nicht, aber soviel: Man muß bei
wechselnden Rollen sein eigenes Ich immer im Griff
haben." Mauss kann sich, als er gerade mal 25 ist,
die Aufträge aussuchen. „Die Leute haben mir das
Geld hinterhergetragen", sagt er lächelnd, „ich
konnte mir die Rosinen aus dem Kuchen picken."
Industrie und Versicherungswirtschaft erkennen
sein Talent; sie nutzen es mit einer Pauschale:
„11.000 Mark im Monat, später 15.000, immer voll
versteuert. Spesen natürlich extra." Drei- oder
viermal hat er Erfolgsprämien genommen. „Aber ich
wollte nicht bessergestellt sein als die Beamten und
habe das Geld weitergegeben für Polizisten, die bei
meinen Einsätzen schwer verletzt wurden.“
Werner Mauss jagt Banden in ganz Europa, die auf
Raubüberfälle, Einbrüche und Rauschgift
spezialisiert sind. „Das waren die Anfänge der
organisierten Kriminalität. Der einzige Weg, diesen
kriminellen Vereinigungen das Handwerk zu legen,
war, in ihre Strukturen einzudringen.
Ich war das Pilotprojekt als Undercover-Agent in
Deutschland." Bei allen Operationen sichert der
Profi sich ab; die Staatsanwaltschaft genehmigt
seine Aktivitäten: „Wo ich tätig wurde, entschieden
die Sonderkommissionen der Polizei, nie die
Versicherungsverbände; die waren nur meine
Sponsoren." |